Tardes de soledad
Albert Serra, Frankreich, Portugal, Spanien, 2025o
Der Matador Andrés Roca Rey gilt als Star unter den Stierkämpfern. In Begleitung seiner Toreros reist der Matador von einer spanischen Arena zur nächsten. Albert Serra dokumentiert das umstrittene Schauspiel mit nüchternen, eindringlichen Bildern, in dem er ausschliesslich die kommentarreichen Tranfers der Cudrillas im Minibus, die aufwändige Ein- und Entkleidung des Matadors im Hotelzimmer und die Corridas in all ihrer blutigen Zwiespältigkeit zeigt.
Der katalanische Regisseur Albert Serra macht Filme wie ein Extremsportler: Grenzgänge, die die Möglichkeiten des Mediums ausloten und Radikalität mit Lust an morbiden Schauwerten vereinen. In The Story of My Death liess er Casanova auf Graf Dracula treffen, in La mort de Louix XIV Jean-Pierre Léaud als Sonnenkönig hinwegsiechen. Sein neuer Dokumentarfilm hat nur drei Schauplätze: die Stierkampfarena, in welcher der spanische Torero Andrés Roca Rey und seine verschworene Truppe mit all den gockelhaften Ritualen dieses umstrittenen Spektakels Stier um Stier zu Tode hetzen und dabei ständig das eigene Leben aufs Spiel setzen. Sodann: der Minibus, in dem Roca Rey unter fortwährender Lobpreisung seiner «Eier» durch begeisterte Zuschauer und seine eigenen Männer von Arena zu Arena tourt. Schliesslich: die Hotelzimmer, in denen der Torero von Gehilfen in seine Auftrittskostüme gezwängt oder wieder, bisweilen massiv verwundet, daraus herausgeschält wird. Die Variation dieser drei Rituale während gut zwei Stunden, allen voran der mit Teleobjektiv herangerückten Corridas, mag repetitiv anmuten, erzeugt aber durch die kleinen Abweichungen und den dosierten Einsatz von Geräuschen und Musik einen Sog des konzentrierten Schauens, der auf den Kern dieses Todesballetts abzielt: hier der Matador und seine Cuadrilla, die sich in einen Blutrausch steigern, indem sie sich systematisch der Todesgefahr aussetzen (man sieht mehrfach, wie Roca Rey beinahe zertrampelt wird), da der Stier, der als kraftstrotzende Kreatur auftritt, zur Rage gereizt und am Ende gnadenlos abgeschlachtet wird, um als tote «quantité négligeable» aus der Arena geschleift zu werden. Man versteht: Stierkämpfe sind – mit dem Titel von Klaus Theweleits wegweisender Studie über männliche Sexualität und Gewalt – triumphal inszenierte «Männerfantasien». Und man vergisst nicht, dass jede dieser ausgelebten Fantasien unsägliche Tierqual bedeutet.
Andreas FurlerGalerieo






