Reading Lolita in Tehran

Eran Riklis, Israel, Italien, 2024o

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Teheran in den 1990er Jahren: Als die islamischen Sittenwächter willkürliche Razzien durchführen und die Universitäten in Beschlag nehmen, versammelt die Literaturprofessorin Azar heimlich ihre engagiertesten Studentinnen in ihrer Wohnung, um verbotene westliche Klassiker mit ihnen zu lesen. Nabokov, Jane Austen und Henry James werden zu Oasen der geistigen Freiheit.

Es berührt angesichts des gegenwärtigen israelisch-iranischen Showdowns seltsam, dass ausgerechnet ein israelischer Regisseur die Abrechnung der exilierten iranischen Literaturdozentin Asar Nafisi mit dem Regime ihre Heimatlandes verfilmt hat. Doch der 71jährige Eran Riklis hat im Lauf seiner langen Karriere ebenso die Brutalität seiner eigenen Regierung im Umgang mit den arabischen Nachbarn und Bürgerinnen Israels angeprangert, und die Unterdrückung der Frauen durch die iranischen Mullahs ist eine Tatsache von trauriger Evidenz. Wie Nafisis gleichnamiger Bestseller von 2003 beginnt Reading Lolita in Tehran 1979 nach dem Sturz des Schahs mit der hoffnungsvollen Rückkehr der Dozentin und ihres Manns in ihr Heimatland. Sie führt die Heldin zur ernüchternden Einsicht, dass sich englischsprachige Literatur in der islamischen Republik nicht mehr an der Universität unterrichten lässt, weil sie nur noch als Ausdruck westlicher Dekadenz gilt und pseudo-studentische Revolutionswächter jede Diskussion darüber abwürgen. Mit sechs Studentinnen zieht Nafisi deshalb Lektüreseminare zu Lolita, The Great Gatsby & Co. in ihrer Wohnung auf und diskutiert die Klassiker als Hort der geistigen Freiheit. Dass diese Debatten im Vergleich zum Buch rudimentär ausfallen, versteht sich von selbst – allerdings deklamieren Nafisis Schülerinnen fast so thesenhaft darüber wie ihre bornierten männlichen Gegenspieler. Lebensklug und schauspielerisch souverän wie eh und je ist dafür Golshifteh Farahani als Nafisi, berührend das Ringen ihrer Figur mit dem schweren Gedanken an ein erneutes Exil. Am stärksten aber sind die Passagen über die Terrorisierung der Frauen. Letztere folgt konsequent der totalitären Steigerung von der Gängelung über die Einschüchterung bis zu psychischer und physischer Folter, auf dass sich die Schere in den Köpfen festsetze. Der Film deutet diese Dauerherrschaft des Schreckens nur an, doch das reicht vollauf. Nach seiner Sichtung möchte man schon aus prinzipiellen Gründen sogleich die nächste Buchhandlung ansteuern.

Andreas Furler

Empfehlungeno

Filmdateno

Synchrontitel
Lire Lolita à Téhéran FR
Genre
Drama
Länge
108 Min.
Originalsprachen
Farsi, Englisch
Bewertungen
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ØIhre Bewertung6.2/10
IMDB-User:
6.2 (1174)
Cinefile-User:
< 3 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Golshifteh FarahaniAzar Nafisi
Zar Amir EbrahimiSanaz
Mina KavaniNassrin
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