r Blue Sun Palace
Constance Tsang, USA, 2024o
In einem Massagesalon in Queens, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, unterstützen sich die beiden Asiatinnen Amy und Didi im Arbeitsalltag. Mit ihren Arbeitskolleginnen verbindet sie eine liebevoll solidarische Schwesternschaft. Doch die täglichen beruflichen Anstrengungen fordern körperlich und seelische ihren Tribut. Nach dem tragischen Tod von Didi muss Amy ihr Schicksal selber in die Hand nehmen.
Ein Massagesalon in Queens, Treffpunkt der örtlichen chinesischen Community: Der melancholische taiwanische Migrant Cheung verliebt sich in Didi, deren Hände die Nackenschmerzen des unermüdlich arbeitenden Mannes lindern. Der Film eröffnet mit Grossaufnahmen ihrer Gesichter während einer gemeinsamen Mahlzeit. Die Kamera fängt ihre Erschöpfung ein, ihre Vertrautheit aus der gemeinsamen Erfahrung der Entwurzelung, ihre körperliche Annäherung im Begehren. Mehr braucht der erste Spielfilm der chinesisch-amerikanischen Regisseurin Constance Tsang, nicht: Die intime Nähe zu den zurückhaltenden Figuren verleiht der Erzählung ihre Kraft. Nach dem ersten Viertel nimmt sie jedoch einen andere Lauf. Didis unvermuteter Tod verwandelt die Liebesgeschichte eine Chronik der Trauer. Amy, Kollegin und enge Vertraute der Verstorbenen, kommt Cheung näher, den derselbe Schmerz niederdrückt. Fast ausschliesslich in Innenräumen gedreht, zeigt der Film die verborgenen Schauplätze des Lebens dieser beiden verletzten Seelen: Massagesalons, Restaurantküchen und Speisesäle, die Gänge von Einkaufszentren und Karaoke-Bars. Alles, was von aussen in diese Welt eindringt, wird unwillkürlich zur Bedrohung – vom Kunden, der den Massagesalon am Silvesterabend überfällt, bis zu jenem Mann, der Amy zu sexuellen Dienstleistungen drängen will. Anstatt der Versuchung einer tröstlichen Romanze nachzugeben, konzentriert sich Constance Tsang auf die jeweiligen Lebenswege von Cheung und Amy zwischen Annäherung und Einsamkeit, Zorn und Zärtlichkeit. Am Ende erkundigt sich Cheung nach dem Weg zu einem Strand in Baltimore, doch man wird ihn diese emotionale Pilgerreise nicht antreten sehen. Als Regisseurin des Inneren überlässt es Tsang uns, dieses letzte Bild im Kopf entstehen zu lassen.
Émilien Gür
