Eureka
Lisandro Alonso, Argentinien, Mexiko, Frankreich, 2024o
Sadie hat genug von dem trostlosen Alltag im Pine Ridge Reservat in South Dakota. Zwischen mies bezahlten Jobs, sich prügelnden Männern und alten schwarz-weiss Western im Fernsehen, die sie in keiner Form repräsentieren fehlt ihr jegliche Perspektive. Sie beschliesst, eine mystische Reise anzutreten: ein magischer Trank ihres Grossvaters hilft ihr, sich von ihrem Körper zu befreien und durch Raum und Zeit zu fliegen.
Der berühmte Ausruf des griechischen Gelehrten Archimedes wirft die Frage auf: Was hat der Argentinier Lisandro Alonso entdeckt, dass er seinen sechsten Spielfilm Eureka nennt? Eine andere Denkweise, die plötzlich alles erhellt? Oder einfach eine neue Art, Filme zu machen? Die zweieinhalbstündige Reise, zu der er uns einlädt, präsentiert sich als eine Träumerei in drei Teilen, die lose miteinander verbunden sind. Der erste Teil ist ein Schwarzweiss-Western (gedreht auf der iberischen Halbinsel), der mit einem alten Indianer aus vergangenen Zeiten beginnt und sich mit einer Geschichte von Gewalt zwischen Weissen in einer Kleinstadt im Westen fortsetzt. Der Übergang zu einer neuen, farbigen Erzählung, die in der heutigen Zeit in einem Indigenenreservat spielt, ist umso auffälliger. Wir folgen einer Polizistin und ihrer Cousine, einer Basketballtrainerin, die gegen die Verzweiflung kämpfen, welche die Sioux von Dakota zerfrisst. Am Ende springt der Film ohne Vorwarnung ins Brasilien der 1970er Jahre, wo ein junger Indigener seinen Stamm verlässt, um zunächst bei Goldwäschern unterzukommen und dann noch weiter wegzuziehen. Ehrlich gesagt sind wir uns nicht sicher, ob wir das Projekt ganz verstanden haben, da die unklare Grenze zwischen Mysterien (eine Infragestellung unserer Raum-Zeit-Wahrnehmung) und weniger gezielten Absurditäten es nicht ganz einfach macht, es ganz ernst zu nehmen. Aber zwischen dem Spaghetti-Western-Imitat, dem mitfühlenden Blick auf eine trostlose Realität und der vom Kapitalismus bedrohten Waldidylle gibt es genug, um gefesselt zu bleiben. Einst Verfechter eines radikalen Minimalismus (La Libertad, Los Muertos, Fantasma), hat sich Lisandro Alonso zu einem etwas nebulösen internationalen Autor entwickelt. Doch er bleibt ein überaus begabter Filmemacher, der uns mit seinen einprägsamen Visionen zu fesseln weiss.
Norbert CreutzGalerieo
