r Dossier 137
Dominik Moll, Frankreich, 2025o
Guillaume, ein 20-jähriger Auszubildender aus der Provinz, macht sich auf nach Paris, um an einem der grossen Gelbwesten-Proteste teilzunehmen. Am Rande der chaotischen Demonstrationen wird er von einer Gruppe Bereitschaftspolizisten schwer verletzt. Stéphanie, eine Beamtin der internen Ermittlung, wird mit dem Fall betraut und bohrt sich Schritt für Schritt durch die schweigsamen Instanzen des Beamtenapparats. Als sie erfährt, dass das Opfer aus ihrer Heimatstadt stammt, bekommt der Fall eine neue Dimension.
Der Sohn von Stéphanie (Léa Drucker), Ermittlerin bei der französischen Nationalpolizei, erklärt seiner Mutter: «Niemand mag die Polizei.» Dennoch hat Dominik Moll (La nuit du 12) ausgerechnet eine Polizistin zur Hauptfigur seines neuen Films gemacht. Dossier 137 zeichnet eine von realen Ereignissen inspirierte Ermittlung nach, die sich um Polizeigewalt im Rahmen der grossen Pariser Demonstrationen zur Zeit der Gelbwesten dreht. Moll bewegt sich somit auf einem Minenfeld: Die öffentliche Debatte zu diesem Thema schwankt zwischen unerbittlicher Verurteilung und verkrampfter Verteidigung der Polizei. Mit Sinn für Nuancen bemüht sich der Filmautor, diesem Schwarzweissbild die Komplexität der Fakten entgegenzuhalten. Am Tag nach einer Demonstration kreuzt eine Frau in Stéphanies Büro auf, um anzuprangern, dass ihr Sohn durch ein Gummigeschoss schwer verletzt worden ist, obschon er sich den Polizisten gegenüber nie bedrohlich verhalten habe. Die Ermittlerin nimmt den Fall auf und bewegt sich zwischen bürokratischen Vorgaben und der Arbeit vor Ort. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung weisen auf Übergriffe einzelner Polizisten und auf Mängel in der Ausbildung der Führungskräfte hin. Ohne auf eine vorgefasste These hinauszulaufen, endet der Film mit einem bitteren Fazit: Erst als junge weisse Männer betroffen sind, empört sich die Öffentlichkeit kollektiv über eine Gewalt, die Menschen mit Migrationshintergrund längst kennen. Und: Stéphanies Untersuchung wird zu keiner Sanktion oder Suspendierung führen, während der Ermittlerin die geografische Nähe zur Familie des Opfers als «kognitive Verzerrung» vorgehalten wird - und dessen Leben schwer beeinträchtigt bleibt. Ohne sich Illusionen zu machen, antwortet Dossier 137 darauf mit einem filmischen Schlag ins Gesicht.
Émilien Gür
