r Cinque secondi
Paolo Virzì, Italien, 2025o
Der erfolgreiche Anwalt Adriano hat sich nach einer Familientragödie in die ehemaligen Stallungen eines verlassenen Anwesens zurückgezogen. Als junge Leute das Grundstück besetzen, um dort den Weinbau wieder aufzunehmen, reagiert der Einzelgänger unwirsch. Während seine Exfrau ihn der fahrlässigen Tötung seiner kranken Tochter beschuldigt und er jede juristische Hilfe einer Exkollegin ablehnt, mausert er sich auf dem Landgut zum Beschützer der Besetzer:innen und ihrer hitzköpfigen Anführerin.
Als einer der prägenden Erneuerer des italienischen Kinos zu Beginn der 2000er Jahre ist Paolo Virzì bei uns heute bestenfalls noch vom Krimidrama Il capitale umano und dem späteren Roadmovie The Leisure Seekers bekannt. Nach langer Abwesenheit von den Schweizer Kinoleinwänden kehrt er mit der vorliegenden Gewissenserforschung nun eindrücklich zurück. Im Mittelpunkt steht ein struppiger Mittfünfziger (Valerio Mastandrea, hervorragend), der sich im Nebengebäude eines verlassenen ländlichen Anwesens eingerichtet hat. Hinter dem sonderbaren Einsiedler verbirgt sich ein angesehener römischer Anwalt, der seine Kanzlei aufgegeben hat. Steckt dahinter die Existenzkrise eines Mannes, der spät zum Systemgegner geworden ist? Tatsächlich kommt unversehens ein Hauch von Auflehnung über das Fleckchen Erde, doch hierfür sorgt eher eine Gruppe von Aussteigern, die sich im Hauptgebäude niederlässt und von dessen angehender Mitbesitzerin (Galatéa Bellugi) angeführt wird. Anders als diese politisierten jungen Leute fordert der mürrische Adriano jedoch nichts weiter als sein Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Beim Besuch seiner langjährigen Berufskollegin und Freundin (Valeria Bruni Tedeschi, strahlend) wird klar, dass den Anwalt Schuldgefühle zerfressen. Bei einem Badeausflug kam seine unheilbar kranke Tochter im Teenageralter ums Leben. Wenige Sekunden der Unachtsamkeit des Vaters genügten für die Tragödie, wegen der ihn seine Ex-Frau nun vor Gericht bringt. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Virzì eine vielschichtige Reflexion über individuelle Verantwortung und Freiheit, ohne Adriano zu verdammen oder von seiner Schuld freizusprechen. Indem er dessen langsame innere Wiedergeburt mit der Schwangerschaft der linken Schlosserbin und der Neubewirtschaftung eines Weinbergs durch die Aussteiger verwebt, lässt der Regisseur eine wohltuende Hoffnung aufkeimen und setzt auf den Dialog zwischen den Generationen. Darin zeichnet sich auch das Recht jedes Menschen auf eine zweite Chance ab – und das Talent eines Regisseurs, dessen Stil und Haltung an die Glanzzeiten des italienischen Kinos erinnern.
Émilien GürGalerieo
