r Inside Deep Throat
Fenton Bailey, Randy Barbato, USA, 2005o
1972, auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution, kommt der ironisch verbrämte Pornofilm Deep Throatin in die Kinos – und spielt bei Produktionskosten von 25'000 Dollar rund 600 Millionen ein. Mehr als dreissig Jahre später, beleuchtet der Dokumentarfilm Inside Deep Throat die Auswirkungen dieses popkulturellen Phänomens. Beteiligte berichten, wie der Film ihr Leben umgekrempelt hat, Archivmaterial und Persönlichkeiten wie Gore Vidal oder Ruth Westheimer werfen Schlaglichter auf den seitherigen Wandel der Gesellschaft und der Pornoindustrie.
Pornofilme sind so alt wie das Kino. Doch in den ersten siebzig Jahren ihrer Geschichte waren sie eine heimlich gehandelte Ware in den Hinterzimmern von Herrengesellschaften. Dies änderte sich mit der sexuellen Revolution der 1960/70er Jahre, und kein Film trug mehr zu diesem ersten Boom bei als der Halbamateur-Streifen Deep Throat, der 1972 herauskam. Gedreht für 25'000 Dollar, spielte er weltweit 600 Millionen ein. Sein Trick: Mit der lächerlichen Männerfantasie von einer Frau, deren Klitoris in der Kehle sitzt und die deshalb auf Blow Jobs steht, brachte er eine komödiantische Note ins Geschäft mit der Lust und machte sich selber mehrheitsfähig. Krethi und Plethi wollte der Hauptdarstellerin mit dem Kunstnamen Linda Lovelace bei ihren Deep-Throat-Künsten zusehen und war mit Augenzwinkern fein raus. Der Dokumentarfilm Inside Deep Throat rollt gut dreissig Jahre später und kurz nach dem Unfalltod von Lovelace auf, wie der unvermutete Erfolg des Films das Leben aller Beteiligten umkrempelte und niemandem nützte: Der Regisseur und der Produzent wurden von mafiösen Koproduzenten aus dem Geschäft gedrängt, die Hauptdarstellerin durchlebte eine puritanische und eine zweite pornografische Wende, ohne an ihre Anfänge anknüpfen zu können, der Hauptdarsteller wurde gerichtlich verfolgt und mutierte nach Jahrzehnten der Alkoholsucht zum evangelikalen Immobilienhändler. Unzählige prominente Zeitzeug:innen von Gore Vidal und Norman Mailer über Erica Jong und Hugh Hefner bis zu Ruth Westheimer erläutern die weitere Entwicklung des Pornogeschäfts vom feministischen Protest über den Videoboom der Achtziger- bis zur Fliessband-Industrie der Nullerjahre. Vieles wird dabei nur angetippt, flapsig hechelt der Film zwischen Archivschnipseln und Kurzstatements umher. Doch je länger die Kurzweil dauert, desto deutlicher wird, wie nachhaltig das Geschäft mit dem Voyeurismus die westlichen Gesellschaften geprägt hat. Gut zwanzig Internet-Jahre sind seit dem Dokumentarfilm schon wieder vergangen. Die Pornos flimmern jetzt wieder in Hinterzimmern, die bewährten 24 Bilder pro Sekunde 24 Stunden pro Tag.
Andreas FurlerGalerieo
